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Überleben in der Wildnis von Fleisbach

26.05.2007

Von Klaus Kordesch
Tel.: (02771) 874400
E-Mail: redaktion.ht@mittelhessen.de

Aller Anfang ist schwer - auch beim Überlebenstraining im Kindergarten: "Am Montag kamen die Kinder noch mit Sagrotan und Sitzkissen, mittags war das vergessen", sagt Harald Trenner. Eine Woche lang hat er drei Erzieherinnen und 18 Kinder der evangelischen Kindertagesstätte Fleisbach fit fürs Überleben nicht nur in der freien Natur gemacht.

Mühsamer Aufstieg: Gemeinsam schaffen die kleinen Überlebenskünstler der evangelischen Kindertagesstätte Fleisbach mit dem Bollerwagen auch steile Strecken – eine der Lehren, die die Kinder während ihrer „Überlebens-Trainings“ vermittelt bekommen haben.(Fotos: Kordesch)

 

Sinn-Fleisbach. "Überleben heißt auch, Probleme zu bewältigen, mit denen ich nicht klarkomme", sagt Trenner. Das könne genauso in der Familie oder Schule sein wie in der Wildnis, weiß der Survival-Trainer ("Überlebens-Trainer"), der seit elf Jahren entsprechende Kurse anbietet, nach seiner Arbeit mit so genannten "Crash-Kids" in Großstädten. Ihnen vermittelt er ebenso wie den Fleisbacher Kindern sein Motto: "Der Sinn des Lebens ist Überleben!", ruft er der Runde zu, die sich im Wald um ihn geschart hat.

Meistens funktioniere Überleben besser, wenn man es zusammen angeht. Das ist eine der Lektionen, die die Kinder schnell kapiert haben - schon als es darum ging, den Bollerwagen das erste Mal den steilen Weg zum Lagerplatz hinaufzuziehen. Und auch sonst können viele gemeinsam mehr als ein einzelner, vermitteln Trenner und sein Assistent Jan Matzkewitz der Gruppe immer wieder, auch in den spielerischen Wettkämpfen. Die Motivation müsse sein, zusammen loszuziehen und zusammen zurückzukommen, schärft der Gründer des Krefelder Vereins "Survival-Angel" auch den Erzieherinnen Patrizia Baumann, Kerstin Theis-Henrich und Kita-Leiterin Mareike Weber ein, die von Claudia Metz, Mutter eines Kindergartenkindes, im Wald unterstützt werden.

Praktisch erfahrbar wird das, als die Kinder im Wald Patrizia und Leon suchen müssen: In einer breiten Suchkette durchkämmen sie den Wald nach Spuren, die die beiden Vermissten für ihre Retter zurück gelassen haben könnten.Kinder fassen Vertrauen zu dem Mann, den manche für obdachlos halten Tatsächlich weisen aus Ästen gelegte Pfeile und auffällig abgeknickte Äste den Weg, und die Kinder transportieren Leon auf ihren zu einer Behelfstrage verschränkten Armen zurück zum Lager, wo sie Trenners Halbwolf "Yukon" schon winselnd erwartet. "Von ihm können wir viel lernen", sagt Trenner, "er ist schlauer und überlebensfähiger als der Mensch."

Er arbeitet seit 20 Jahren mit Wölfen, war aber auch schon als Personenschützer tätig, bevor er sich vor elf Jahren auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat. Derzeit bereitet er seine 3600-Kilometer-Wanderung vom Nordkap nach Deutschland sowie seinen Umzug nach Dillenburg-Frohnhausen vor. "Manche unterschätzen mich, halten mich für einen Obdachlosen", sagt er nur. Aber das sei auch ein Stück weit gewollt.

Die Kinder indes haben Vertrauen zu dem Mann mit den vielen Fähigkeiten gefasst, der ihnen zeigt, wie man ein Feuer mit Flugsamen, Birkenbast und trockenem Reisig in einer alten Konservendose entfachen kann und wie mit einem scharfen Messer umzugehen ist. "Ich halte nichts vom Käseglocken-Prinzip in der Erziehung", sagt der "Survival-Angel" dazu: "Das macht unsicher und unselbstständig."

Außerdem würden Verbote Kinder nur reizen: "Also zeigen wir verantwortlichen Umgang mit Feuer und Messer", erklärt Trenner. Außerdem zeigt er, wie man sich an einer Seilbrücke zwischen zwei Bäumen entlang hangelt oder wie man mit Seilschlingen einen Stamm hinaufklettern kann.

Die meisten Bedrohungen allerdings gebe es heutzutage in der Stadt, sagt Trenner. Deshalb schärft er den Kindern beispielsweise ein, nie mit fremden Personen zu sprechen oder gar mit ihnen zu gehen. Sollte doch eine Entführung geschehen, könnte ein Zettel mit Stift in der Hosentasche den rettenden Hinweis geben.

Ebenso könnten Fluchtwege, ob nun im Restaurant oder im Schulbus, überlebenswichtig werden. Deshalb sollten sie schnell erkannt sein, erklärt Trenner den Kindern.Zwei Millimeter, die im Auto unterwegs das Leben retten können Von deren Eltern kommt positive Resonanz - auch nachdem die Kleinen ihnen erklärt haben, wieso das Autofenster jetzt immer zwei Millimeter weit geöffnet bleiben soll: Damit sie es nach einem Unfall hinaustreten und sich so alleine befreien können.

Zum Abschluss ihrer "Survival-Woche" haben sie die Nacht zu gestern im Kindergarten verbracht und nach einer praktischen und mündlichen "Überlebens-Prüfung" eine Urkunde erhalten.


 

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